Vogelbaum Business Model
Seit einem Jahr gibt es in unserem Ort einen Genossenschaftsladen bei dem ich selbst Mitglied und Kunde bin. Trotz oder wegen der Corona-Pandemie hat sich das Geschäft in diesem Jahr gut entwickelt. Und doch steht der Laden vor Herausforderungen.
Hier die Facts:
Über 100 Mitglieder haben dazu beigetragen 100.000,- € an Startkapital zu besorgen. Damit wurde der Laden eingerichtet und die Anlaufzeit der ersten Monate finanziert.
Der Laden bietet regionale und Bio-Lebensmittel. Zudem befindet sich ein kleines „Café“ im Laden.
Die Initiatoren haben bereits mit warmen Mittagsmahlzeiten, Lieferservice und Brotzeit-Service experimentiert. Aufgrund der hohen Qualität (und Preise) der Lebensmittel war es aber nicht möglich ein entsprechendes Preis-Leistungsverhältnis anzubieten. Zudem war der Personalaufwand dafür viel zu hoch.
Das Verkaufsgebiet für den Laden beschränkt sich ausschließlich auf den Standort mit 1.500 Einwohnern. Im Ort gibt es zudem einen kleinen Spar-Markt als regionalen Nahversorger sowie eine kleine Bäckerei. In den größeren Nachbargemeinden im Umkreis von 10-20 km gibt es eigene Bio-Läden mit ähnlichem Angebot sowie große Supermärkte und Diskonter.
Alles in allem herausfordernde Rahmenbedingungen.

Das Geschäftsmodell
Die Gründer der Vogelbaum eGen möchten mit ihrem Laden ein regionales Angebot, faire Lebensmittel und gute Qualität anbieten. Und das alles zu einem günstigen Preis für die Mitglieder und Kunden.
Darin liegt die große Herausforderung. Denn qualitativ hochwertige Lebensmittel haben ihren Preis. Ein regionaler Genossenschaftsladen ist kein Diskonter und somit auch nicht mit diesen Preisen vergleichbar. Das ist jedem klar, der dort einkaufen geht.
Das Angebot und die entsprechenden Preise schränken die Zielgruppe damit schon stark ein.
Der große Wocheneinkauf wird im Supermarkt oder beim Diskonter erledigt. Im Genossenschaftsladen kaufen die Kunden vor allem „Spezialitäten“: frisches Brot, regionale Milchprodukte und hausgemachte Kuchen. Dazu kommen noch ein paar spezielle Produkte die man sich zwischendurch gönnt.
Für das kleine Verkaufsgebiet des Ladens ist das aber zu wenig um nachhaltig bestehen zu können.
Also was tun?

„Wir brauchen mehr Marketing!"

„Wir brauchen mehr Marketing, damit wir neue Kunden außerhalb des Ortes gewinnen“, meinten die Gründer. Und damit sind sie bei mir gelandet.
Als kreativer Marketinger sind mir gleich erste Ideen durch den Kopf geschossen, was wir denn alles tolles machen könnten. Und dann hat sich der Unternehmer in mir gemeldet. Ich habe mir die oben beschriebenen Fakten zusammengeschrieben und habe einige Punkte mit den Gründern hinterfragt, in Frage gestellt und diskutiert.
Am Ende war klar, sie haben weder das Budget für Marketing, noch wird das in der derzeitigen Ausgangslage etwas bringen, egal wie viel Geld sie in Werbung stecken würden.
Eine andere Lösung musste her.

Business Design
Ihr Marktgebiet können sie nicht vergrößern. Es beschränkt sich auf den kleinen Ort, den Durchzugsverkehr und Tagestouristen im Sommer.
Was sie jedoch verändern können ist ihr Angebot.
Im Sinne der Genossenschaft werden sie immer regionale Produkte und Bio-Lebensmittel anbieten. Dafür ist die Zielgruppe jedoch sehr klein.
Was sie brauchen ist ein neues Angebot. Ein Angebot das zu ihnen passt, das aber neue Zielgruppen vor Ort anspricht. Ein Angebot, für das Bedarf und Nachfrage besteht. Und ein Angebot das eine entsprechende Marge zulässt, um den Ertrag nachhaltig zu stützen.
Also habe ich ihnen vorgeschlagen Toast anzubieten.

Toast?!
Du fragst dich jetzt sicher, warum Toast? Ganz einfach, weil Toast geil ist.
Nein, Scherz beiseite, ich erzähl dir wie es dazu kam.
Ich bin bei einem meiner kreativen Streifzüge durchs Internet auf die Seite von Hill Street Hatch gestoßen. Als Projekt der Kreativagentur Crown Creative bieten sie Food-Start-Ups in Belfast (Irland) ein kleines Pop-Up Lokal an, um Ideen zu testen. Und eines dieser Start-Ups war „The Toast Office“, das mittlerweile ein eigenes Lokal betreibt. Dreimal darfst du raten was es dort gibt: Toast. Richtig geilen Toast.
Toast

The Toast Office Belfast (@toastofficebelfast)

Mit dieser Idee kam für mich alles zusammen was zusammenpasst:
Bei uns im Ort gibt es Bedarf nach einem schnellen, warmen Essen, denn wir haben derzeit kein Gasthaus, aber:
… wir haben einige Firmen mit Mitarbeitern vor Ort bzw. im Homeoffice, die teilweise sogar finanzielle Essenzuschüsse zum Mittagessen bekommen. Sie möchten zwischendurch einfach schnell, gut und warm Mittagessen oder sich etwas zum Essen holen.
… wir haben eine Mittelschule mit Kindern, die in der Mittagspause Pizza aus dem 15 km entfernten Ort bestellen, weil es vor Ort nichts gibt.
.. wir haben junge Leute im Ort, die sich im Dezember beim Glühweinstand zu Würstel und Brot treffen, aber ansonsten das ganze Jahr keinen Treffpunkt mit warmem Essen haben.
… wir haben Einwohner, die zwischendurch einfach etwas Warmes zum Essen möchten, entweder vor Ort oder zum Mitnehmen nach Hause.
… wir hatten früher Lokale, da war das „Schlemmerbaguette“ der Verkaufshit, bei Einheimischen und bei Tagestouristen die mit dem Auto oder Fahrrad unseren Ort besuchten.
Nachfrage müsste also da sein.

Für die Vogelbaum eGen passt das Angebot perfekt:
… weil Toast jeder kennt und (fast) jeder mag, vom Kind bis zum Senior, sogar die Einheimischen. Der Versuch mit Gemüsekuchen (Gemüsequiche) ist eher gescheitert.
... weil dafür kaum Platz (Küche, Geräte) und Aufwand (Personal) nötig ist und die Herstellung standardisiert werden kann, wie im Fast-Food-Restaurant. Zudem ist das "Café" sehr klein, ein Angebot to-go ist da definitiv von Vorteil, vor allem im Sommer.
… weil Toast in wenigen Minuten zubereitet werden kann, nicht nur Mittags. Es bleibt nichts fertig gekochtes übrig (wie bei der Gemüsequiche). Es wird kein Geschirr und keine aufwändige to-go-Verpackung benötigt.
… weil dafür Produkte aus dem Laden verarbeitet werden können: frisches Brot, regionaler Käse und Gemüse, das nicht verkauft wurde. Damit wird der Toast zu etwas besonderem und erfüllt den regionalen, gesunden Genossenschaftsauftrag.
… weil Toast flexibel und abwechslungsreich ist, wie Pizza. Immer gleich und doch je nach Brot oder „Belag“ anders.
… weil sich damit spezielle Aktionen umsetzen lassen, z.B. wenn im Dezember der Glühweinstand der Landjungend vorbei ist, könnte der Vogelbaum im restlichen Winter, einmal pro Woche, am Abend Toast und Glüh(wein) als Treffpunkt anbieten.
… weil Toast mit einer guten Marge kalkuliert werden kann (niedriger Wareneinsatz) und dazu weitere Zusatzverkäufe wie Getränke oder Süßigkeiten angeboten werden können (Produkte die ebenfalls eine gute Marge haben).
… weil es in der Region ein einzigartiges Angebot ist, sich herumspricht und Kunden in den Laden bringt, die sonst nie im Vogelbaum einkaufen würden. Besser als jede Marketingaktion.

Soweit die Annahmen.
Die Gründer sind wieder motiviert und in Kürze sollten die ersten Toasts fertig sein. Dann wird sich zeigen, ob wir damit neue Kunden und eine zusätzliche Einnahmequelle gewinnen können.