Über die Zuversicht in der Trauer
ODER: Ein Seelenpflaster, bitte!
Ich habe Raphaela während meiner Ausbildung zum Systemischen Coach in Südtirol kennengelernt. Wir haben uns gut verstanden und tauschen uns gelegentlich zu Coachingthemen aus. Raphaela bringt bei den Dingen die sie tut, eine enorme Leidenschaft und Lebensfreude mit. Deshalb habe ich mich sehr über ihre Zusage gefreut, mit mir über Tod und Trauer zu sprechen.
Von Raphaela habe ich gelernt, wie man Menschen mit einer bildhaften Sprache begeistern und begleiten kann.
Raphaela und ich treffen uns online. Sie hält die Kamera zum Fenster und zeigt mir ihren Ausblick auf die Abendsonne über den Südtiroler Weinbergen vor ihrem Haus. Ein wunderschöner Einstieg in unser Gespräch. Sie freut sich sichtlich und meint: „Tod und Trauer, ein schönes Thema.“
Wie denkst du über den Tod?
Ich frage Raphaela, warum das für sie ein schönes Thema ist. Ohne lange nachzudenken antwortet sie: „Weil es zum Leben gehört.“ Und weil sie gerne offen über solche Themen spricht. Gerade bei diesem Thema kommt sie sonst auch nicht so oft dazu.
Raphaela erzählt mir, dass Tod und Sterben für sie nicht das Gleiche ist. Vor dem Sterben hat sie Angst und Respekt, vor dem Tod nicht. Ihr Glaube gibt ihr eine Perspektive an ein Leben danach. Auch wenn sie nicht weiß, wie das ewige Leben aussieht. Es ist ein Geheimnis, sagt sie. „Im Wort Geheimnis steckt das Wort Heim, ein Zuhause für die Ewigkeit.“ Ein schöner Gedanke.
Was hilft Menschen in der Trauer?
Viele Menschen wissen nicht, was sie einem Trauernden sagen sollen. Meist muss man auch gar nicht viel sagen. „Man darf die Kraft des da-seins nicht unterschätzen. Einfach für jemanden da zu sein. Das kann eine Umarmung sein, eine Textnachricht mit einem Herz oder ein gemeinsamer Spaziergang. Da sein reicht.“ Ich stimme Raphaela zu. Und ich weiß aus Erfahrung, dass das zwar einfach klingt, aber nicht leicht ist. Das muss man aushalten können. Einfach da zu sein, ohne Ratschläge zu geben, ohne gleich helfen zu wollen.
Wann hast du zum letzten Mal jemandem gesagt, dass du traurig bist?
Während unseres Gespräches kommen wir immer wieder auf unsere kleinen Kinder zu sprechen. Raphaela ist leidenschaftliche Mutter und ich bin seit kurzem Vater. Mein Sohn kann noch nicht reden. Raphaelas Kinder können schon reden und sagen ihr auch, wenn sie traurig sind. Ich frage Raphale, wann ihr ein Erwachsener schon mal gesagt hat, dass er traurig ist. Diesmal denkt sie lange nach, ihr fällt dazu aber nichts ein. Als Erwachsene sagen wir das nicht mehr.
Klaus schreibt dazu über Trauer: "Es ist wichtig, dass man tatsächlich traurig ist und dieses Gefühl nicht ersetzt, indem man sich wütend, unverstanden, schuldig, müde, selbstmitleidig oder bestraft fühlt. Trauer ist eines der Gefühle, die häufig mit Ersatzgefühlen umgangen werden."
In der Ausbildung zum Trauerbegleiter habe ich gelernt, dass unter dem offensichtlichen Gefühl ganz viele Gefühle stecken:
© Vergiss Mein Nie
Im Coaching habe ich selbst die Erfahrung gemacht, dass unter meiner Wut viele andere Gefühle steckten. Darunter war Trauer eines der stärksten Gefühle. Ich war traurig, weil es nicht mehr so war, wie ich es gewohnt war. Ich war traurig, weil ich etwas verloren hatte, das mir wichtig war. Ich war traurig, weil ich nicht wusste, was ich tun sollte. Damals war das eine spannende Erkenntnis für mich, die mich auch hierhergeführt hat, in die Trauerarbeit.
Ein Seelenpflaster für die Trauer
Raphaela reicht mir symbolisch ein Seelenpflaster. Etwas, das bei Kindern auch wunderbar funktioniert. Ein kleines buntes Pflaster, um mit dem Schmerz weiterzuleben. Man sieht nicht mehr die Verletzung, sondern das schöne Pflaster. Darunter kann die Wunde langsam heilen.
Trauerbegleitung wirkt wie kleine Seelenpflaster, die man von Zeit zu Zeit erneuert. Man nimmt sich Zeit und tröstet. Dabei lenkt man die Aufmerksamkeit weg vom Schmerz hin zu den schönen Dingen, den gemeinsamen Erinnerungen, dem was heute noch da ist und auf das, was in Zukunft möglich ist. Damit aus einer Wunde langsam ein Wunder werden kann.
Nach dem Gespräch mit Raphaela weiß ich, dass ihr größtes Talent nicht ihre bildhafte Sprache oder ihre lebhafte Begeisterung ist, sondern ihr offenes Herz für die Menschen um sie herum.